Sommerfreizeit 2017 für palästinensische Kinder

32 Kinder aus dem palästinensischen Dorf Bilin, im Südwesten von Ramallah, kamen eine Woche in die Oase des Friedens. Das Dorf wurde wegen seines gewaltlosen Widerstandes gegen die Besatzung und die hohe Trennungsmauer international bekannt. Elf Jahre protestierten jüdische und palästinensische Friedensaktivisten gegen diese Mauer, konnten ihren Verlauf teilweise ändern und so einen Teil des Landes wieder vom Dorf her zugänglich und nutzbar machen.
Bilin ist ein auf Landwirtschaft und einfache Arbeit bauendes Dorf, wobei die Männer am meisten zum Einkommen der Familie beisteuern. Vor sieben Jahren hatte Samah eine Initiative zum Sticken für palästinensische Frauen gestartet, um den Frauen zu helfen ihre Kunst zu vermarkten, ohne von Geschäftsleuten ausgenützt zu werden. Das Dorf hat zwei überfüllte Schulen (eine für Mädchen, eine für Jungen), jeweils in zwei Schichten. Nach der Schule arbeiten dann einige Kinder für ihren Lebensunterhalt. Im letzten Jahr waren Familien aus Bilin eingeladen, Neve Shalom/Wahat al Salam kennenzulernen. Einige aus dem Friedensdorf kannten Bilin bereits und haben dort sehr aktiv gewirkt (u.a. Yair Auron, Michal Zak und Maya Mark).

Samah hat dem regionalen Rat von Bilin ein Summercamp vorgeschlagen. Nach der jüngsten Gewalt in Jerusalem ist die politische Atmosphäre sehr angespannt. Die palästinensische Behörde hat alle Verbindungen zur israelischen Seite abgeschnitten. Viele Mitglieder des Rates stimmten der Idee, dass die Kinder nach NSh/WAS kommen, nicht zu. Sie fürchteten Kritik und Klagen wegen verbotener Normalisierung von Beziehungen zu Israel. Extremisten könnten sie so des Verrats anklagen.

Der Verbindungsoffizier in der palästinensischen Verwaltung, der Begegnungen zwischen beiden Gesellschaften koordiniert, stimmte der Zusammenarbeit mit Neve Shalom/Wahat al Salam zu. Vor einigen Tagen hatte eine Delegation von NSh/WAS den palästinensischen Präsidenten besucht. Danach hatte der das Friedensdorf mit einem Olivenbaum ausgezeichnet, der heute im Eingang des Dorfes steht, als Anerkennung der Friedensaktivisten auf der israelischen Seite. Einer vom Dorf ging von Tür zu Tür zu den Familien von Bilin und nahm die Anmeldungen der Kinder zum Summercamp an. Einige Mitglieder des Rates stimmten der Teilnahme der Kinder nur unter der Bedingung zu, dass es im Programm keinen Kontakt zur Armee oder zu Siedlern geben werde. 45 Kinder aus Bilin im Alter von 7 bis 13 Jahren meldeten sich an, dazu noch sieben Teenager zwischen 15 und 17 Jahren, die Teil der Dabkeh Tanzgruppe des Dorfes sind.

Reem Haj-Yehia, 23 Jahre alt, Dorfmitglied zweiter Generation und Studentin der Psychologie, unterschrieb als Koordinatorin des Lagers. Das Programm, das das PR-Büro mit Reem vorbereitete, umfasste Aktivitäten im Dorf, Workshops, Rundgänge im Dorf und Tagesausflüge. Es wurde beschlossen, dass das Dorf und seine Einrichtungen sich an den Kosten des Projektes beteiligen.

Israels Handhabe von Erlaubnissen war noch nie klar. Man wusste nicht, wem die Armee die Einreise nach Israel gestatten wird und wem nicht. Schließlich gab es die Genehmigung für 32 Kinder, keine für männliche Betreuer, nur eine für den Verantwortlichen fürs Wasser, der kein Pädagoge ist. Samah fuhr selbst nach Beit El, um zu prüfen, warum die Mitglieder der Dabkeh Gruppe keine Erlaubnis bekamen und warum die Ratsmitglieder nicht auf der Liste stehen. Nach Stunden der Verhandlung mit dem Verbindungsbüro in Beit El bekam sie doch noch für ein Mitglied die Genehmigung, fuhr mit den Genehmigungen zurück ins Dorf und erfuhr, dass keines der Kinder ohne Betreuer, Teenager oder ältere Geschwister kommen werde. Das ganze Projekt drohte zu scheitern.

Nach vielen Telefongesprächen mit den Eltern gab es einen Kompromiss, dass einige Mütter neben dem Vertreter des Gemeinderates die Kinder begleiten würden. Die meisten Familien stimmten zu.

Einige Jugendliche waren sehr verärgert über die Ablehnung, besonders Muhammad. Er hatte in seinem ganzen Leben das Dorf noch nie verlassen und erwartete dieses Summercamp sehr begierig in der Hoffnung aus dem Dorf reisen zu können. Er verstand nicht, warum die Armee ihm keine Genehmigung gab. Es gab zwei Schwestern, von denen eine die Genehmigung bekommen hatte und die andere nicht. Es gibt keine Logik in den Entscheidungen und sie hinterlassen eine Menge Schmerz, Ärger und Frust unter den Abgelehnten. Währenddessen liefen die Vorbereitungen in NSh/WAS weiter.

Bei der Anreise wurde der Bus am Checkpoint aufgehalten. Die Soldatin, die die Genehmigungen prüfte, wollte keine Kinder hereinlassen, die nicht von ihren Eltern begleitet wurden. Das war absurd, denn in der Genehmigung stand klar, dass sie zu einem Summercamp kommen. Als eine Art Schikane forderte sie auf, alle Eltern aus dem Dorf müssten Formulare unterschreiben, dass sie ihren Kindern erlauben, am Lager teilzunehmen, sonst würde sie den ganzen Bus zurückschicken und alles zunichtemachen. Die armen Kinder standen schreiend am Checkpoint, sie fürchteten, nach allem doch nicht eingelassen zu werden. Nach vielen Stunden gelang es den Verbindungsoffizier anzurufen, der die Genehmigungen erteilt hatte. Da sie von der Gruppe wusste, erlaubte sie den Soldaten sie nach einer sorgfältigen Sicherheitskontrolle durchzulassen.

Schließlich nach Stunden des Wartens in der Sonne am Checkpoint kamen die Kinder im Dorf an. Sie durften sich zuerst frisch machen und nach einem guten Essen erholen. Danach konnten sie sich in ihren Räumen eine Weile ausruhen. Ein Rundgang durchs Dorf diente zum Kennenlernen.

Die Gruppen wurden nach dem Alter eingeteilt und spielten einige Spiele zum Kennenlernen zwischen Betreuern und Kindern. Die Gastgeber hörten ihren Geschichten von Bilin zu. Einige Kinder sprachen davon, wie die Armee nachts kam um ihre Häuser zu durchsuchen.

In der ersten Nacht fürchteten sich einige Kinder in den Räumen allein zu sein. Vor allem für die Jüngeren war es schwer, sich an den neuen Platz zu gewöhnen. Darum blieb die Leiterin und schlief die ganze Nacht bei ihnen. Ein Junge sagte, er fürchte, dass alles nur Show sei und dass die Armee kommen und sie verschleppen werde. Erst langsam begannen die Kinder sich sicher zu fühlen. Sie brauchten ein paar Tage sich zu öffnen und mitzuteilen.

Zur Gruppe gehörten auch zwei Kinder mit Behinderungen, mit denen die Kommunikation schwierig war. Sie waren stumm und taub. Die Betreuer mussten Tablets und Smartphones benutzen um mit ihnen zu kommunizieren. Dabei halfen auch andere Kinder.

Das Lagerprogramm, das wir anboten, enthielt einen Tag mit Spielen und Spaß am Schwimmbad, einen Ausflug mit der Bahn nach Akko (eine erstaunliche Erfahrung sowohl für die Kinder als auch für die Frauen), eine Bootsfahrt und einen Gang durch die Altstadt. Die meisten Kinder, auch die vorher schon mal nach Israel gekommen waren, waren noch nie im nördlichen Teil des Landes gewesen und hatten noch nie eine Bahnfahrt erlebt.

Der Tag in Wasserpark Yamit 2000 war der Höhepunkt des Lagers. Alle kehrten müde, aber sehr glücklich und mit vielen Bildern und Lächeln zurück. Die Verantwortlichen mussten einige Badeanzüge zu überteuerten Preisen kaufen, da die Leitung des Parks das Schwimmen in nicht professionellen Anzügen nicht gestattete.

Am Mittwochabend wurden die Frauen von NSh/WAS eingeladen die Frauen, die die Kinder begleiteten, im Lager zu treffen. Die Begegnung dauerte drei Stunden bis in die Nacht. Das war im Ganzen ein gefühlvolles Erlebnis. Die Frauen von Bilin sprachen davon, welch große Hoffnung unser Dorf den Frauen aus Palästina gibt, dass es hier in diesem Teil Israels Friedensaktivisten gibt und dass Menschen im Frieden miteinander leben. Eine Frau sagte: „Was wir von den Siedlern sehen, sind nur Attacken, Abschneiden von Olivenbäumen und Verhöhnung. Die Juden hier sind anders, keiner belästigt den anderen.“

Corinne, eine Kinderpsychologin aus NSh/WAS, sagte: „Das ist das erste Mal, dass ich palästinensische Frauen persönlich treffe und mit ihnen direkt spreche. Die Geschichten direkt von der Person zu hören macht den Unterschied.“

Michal, die darauf bestand, arabisch zu sprechen, sagte, „Ich kenne Euer Dorf. Meine Tochter ist sehr aktiv gegen die Trennungsmauer, aber ich kenne meist nur die Männer, die protestieren. Ich war nie im Haus mit den Frauen. Wir Frauen müssen einander besuchen und miteinander zusammenarbeiten.“

Gamar von Bilin sagte, „Wir müssen ein Lager für die Mütter veranstalten, für erwachsene Frauen, nicht nur für unsere Kinder. Ich wusste nicht, was Neve Shalom/Wahat al Salam ist, keiner in unserem Dorf kennt diesen Platz. Trotz der Kritik, dass wir hierhergekommen sind, gehen wir zurück im guten Gefühl, dass wir das Richtige getan haben.“

Eine andere Mutter sagte: „Die Gastfreundschaft, die Wärme und die Liebe, die wir hier empfangen haben, ist mit nichts zu vergleichen, was wir woanders gesehen haben. Sogar unsere Kinder möchten nicht nachhause gehen. Dieser Sommer wird für sie unvergesslich sein.“

Adi, ein Anwalt für Menschenrechte, sagte: „Trotz des kurzen Treffens bin ich froh, dass wir die Chance hatten uns zu treffen und dass ihr hier seid. Ich bin bereit, zu helfen, wenn es irgendeinen Fall wegen Einreise und Arbeitserlaubnis in Israel gibt.“ Heute vertritt Adi einen der Söhne der Frauen vor Gericht gegen die israelische Armee, um ihm zur Einreise zu helfen und dazu, seine Studien in Israel abzuschließen.

Die Frauen von Bilin luden die Frauen unseres Dorfes ein sie zu besuchen und am Oliven- und Friedensfest im kommenden Oktober teilzunehmen. Das Treffen mit den Frauen brachte manche Zusammenarbeit zustande, wie z.B. die rechtliche Hilfe. Diana bestellte Handstickerei der Frauen für ihr Café und wir beschlossen alle gebrauchten Geräte unserer Schule für ein Mädchen-Klassenzimmer der Grundschule in Bilin zu spenden.

Während des Summercamps bot Raida einen Workshop für die Kinder an Süßigkeiten zu machen und Diana gab eine Tour durch das Museum und die Ausstellung zu 50 Jahren Besatzung, mit palästinensischen und jüdischen Künstlern. Außerdem gab sie eine Lehrstunde in Ölmalerei für die Kinder.

Am Freitag verbrachten wir einen halben Tag in Jaffa, in der Altstadt und am Strand. An diesem Tag erhielten wir vom Schauspieler Emad Jabareen, der jüngst mit seiner Familie ins Dorf gezogen ist, eine Einladung zu einem Kinderstück im arabisch-hebräischen Theater Al-Saraya in der Altstadt von Jaffa. Das Schauspiel behandelte die Verkehrssicherheit und das ganze Spiel war den palästinensischen Kindern gewidmet. Es war ein einzigartiges Erlebnis und Spaß in einem der ältesten Gebäude Jaffas an der Küste. Nach dem Spiel gingen alle hinunter zur Promenade und zum Strand.

Nach den Abschlussaktivitäten am letzten Tag endete das Camp mit einer Feier, bei der alle Kinder einen Schulranzen bekamen mit einem Griffelkasten und einfachen Schulgeräten. Danach gab es eine kleine Party und die Kinder ließen neben der Doumia/Sakinah Drachen, die sie gemacht hatten, und Luftballone steigen.

Eine Woche danach besuchte Samah zusammen mit Frauen und dem Rat Bilin um die Erfahrung abzuschließen. Ein Abschlusstreffen mit den Betreuern von NSh/WAS brachte weitere Erkenntnisse.

(Nach einem Bericht von Samah Salaime, in Neve Shalom/Wahat al Salam verantwortlich für die Bildungseinrichtungen).